• Annette Heinrich

37 Grad: Für mich gab’s keine Grenzen. Jan Ullrich und Paulus Neef nach ihrem Scheitern.

ZDF | Sendedatum: 8.3.2016, 22.15 Uhr, Länge: 30 Minuten


Buch & Regie: Annette Heinrich





Sie haben Menschen begeistert, Massen bewegt und Außergewöhnliches geleistet. Sie waren die Besten in ihrem Metier. Umjubelt, gefeiert, umworben: Jan Ullrich, Spitzenradsportler, Olympiasieger und einziger deutscher Tour de France-Sieger – und Paulus Neef, Gründer der Multimedia Agentur Pixelpark, Ausnahmeunternehmer und einer der ersten deutschen Internetmilliardäre.


Sie haben Millionen verdient und andere reich gemacht. Ihre Namen haben Geschichte geschrieben: als Helden, Idole, Role Models – aber auch als Verlierer. Von der absoluten Spitze fielen beide ins Bodenlose. Verloren alles, wofür sie gekämpft hatten: Anerkennung, Erfolg, Geld, Ansehen, Sympathie und Glaubwürdigkeit. Ihr Scheitern war allumfassend, schmerzhaft und öffentlich. Doch Aufgeben war für beide nie eine Option. Beide blieben im Kern, was sie schon immer waren – Kämpfertypen. Dennoch dauerte es lange, bis sie lernten, die Scherben ihrer Karriere zusammen zu fegen, ihre Niederlage zu verarbeiten und ihrem Leben einen neuen Dreh zu geben.


37 Grad begleitet beide in ihrem Alltag, schaut mit beiden zurück auf eine spektakuläre Karriere und nach vorn in eine noch ungewisse Zukunft. Wie hat sich der Erfolg angefühlt? Was war das Großartige daran, an der Spitze zu stehen? Jan Ullrich, der Junge aus den einfachen Verhältnissen, liebte es, mit dem zu glänzen, was ihm am allermeisten Spaß machte – Radfahren. Er genoss die Liebe seiner Fans, die Möglichkeiten, die sich ihm boten. Paulus Neef konnte die Menschen begeistern und für seine unternehmerischen Pläne gewinnen. Doch emotional blieb er davon merkwürdig unberührt. „Ich konnte mich nie wirklich freuen oder Erfolge feiern. Geld war reichlich da, nach dem Börsengang sogar über eine Milliarde, doch bedeutet hat es mir nichts. Es musste immer weiter gehen, ich war wie getrieben.“ Von was und warum wird er erst viel später erkennen.


Jan Ullrich machte sein historischer Sieg bei der Tour de France 1997 über Nacht unsterblich und löste in Deutschland einen regelrechten Radsport-Boom aus. Zugleich stellte dieser sportliche Meilenstein einen Erfolg dar, an der er bis zu seinem unrühmlichen Karriereende immer wieder anzuknüpfen versuchte. Einige Siege folgten – er war fünfmal Zweiter und einmal Vierter der Tour, zweimal Weltmeister im Einzelzeitfahren, Sieger im olympischen Straßenrennen 2000 und zweimal Sportler des Jahres. Aber er machte auch mit vielen Negativschlagzeilen von sich reden: Verletzungen, Gewichtsprobleme, Trainingstiefs, Alkoholfahrten, Aufputschpillen, verpatzte Wettkämpfe…. Der Druck auf den Sportler ist groß. „Manchmal war es eine wahre Hass-Liebe zwischen mir und meinem Fahrrad.“ Wirklich frei und glücklich fühlt er sich in dieser Zeit nicht.


Auch Paulus Neef fühlt sich zu der Hochzeit von Pixelpark nicht frei. Ein Bodyguard bewacht ihn rund um die Uhr, zu groß ist die Angst vor einer Entführung. „Es war wie ein goldener Käfig“, erzählt der 55-Jährige rückblickend. Welchen Preis zahlte er noch für seinen Erfolg? „Freunde wandten sich von mir ab, Beziehungen scheiterten, eine Ehe ging in die Brüche.“ „Er war lange Zeit sehr egoistisch. Alles musste sich ihm und seinen Terminen unterordnen, das hat extrem genervt“, berichten einige der alten Weggefährten.


Wie weit sind die Protagonisten für ihre Ziele gegangen? „Zu weit“, meinen beide heute. 2006 will Jan Ullrich noch ein letztes Mal bei der Tour de France angreifen. Er ist in Bestform, er kann es noch einmal schaffen – und danach seine große Karriere ehrenhaft beenden. Doch es soll anders kommen. Er wird des Dopings beschuldigt und gesperrt. Seine Mannschaft, das „Team T-Mobile“, distanziert sich von ihm und lässt ihn von heute auf morgen fallen. Die Medien stürzen sich auf ihn, der einstige Held wird zum Buhmann der Nation. Der Schock über das plötzliche und hässliche Karriereaus sitzt tief und ist auch noch heute spürbar. Warum hat er so lange zu den Dopingvorwürfen geschwiegen? Warum fiel es ihm so schwer, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen? Wohin fiel er, als er fiel? Jan Ullrich hatte das Glück, seine große Liebe Sara, seine Kinder und seine Familie, allen voran seine Mutter Marianne, im Hintergrund zu haben. Sie halten zu ihm, trotzen Burnout, Ehekrise, Pressehäme und persönlichem Frust.


Paulus Neef war einsamer und hoch verschuldet, als er nach dem plötzlichen Börsencrash von Pixelpark und vermeintlicher Veruntreuung 2002 aus seiner eigenen Firma geworfen wurde. „Nach außen hin habe ich mir nichts anmerken lassen, aber mir war der Boden unter den Füßen weggezogen. Und dann kam noch der doppelte Bandscheibenvorfall – sich nicht mehr bewegen können und nichts mehr bewegen können – das war wirklich die schwierigste Phase in meinem Leben. Im Rückblick aber auch die wichtigste.“


Allen Schwierigkeiten zum Trotz kämpfen sich die beiden aus dem Tal zurück ins Leben. Heute arbeiten sie, lachen mehr als früher, pflegen Freundschaften und ihre Beziehungen. Sie greifen vielleicht nicht mehr nach den funkelndsten Sternen – aber sie haben Pläne und Visionen, von denen sie uns erzählen. Und so unterschiedlich die beiden auch sind, so unterschiedlich ihre Leben und Karrieren verlaufen sind – ihre Lehre, die sie aus ihrem Scheitern gezogen haben, ist erstaunlicherweise dieselbe. Was hat das Fallen in ihrem Leben und Denken verändert? Und bewahrt sie diese Erkenntnis vielleicht vor neuen Fehlern? Jan Ullrich meint dazu: „Ich bin ein extremer Mensch. Und scheitere deswegen vielleicht auch so extrem, selbst heute noch. Aber das habe ich mittlerweile akzeptiert, es gehört zu mir. Entscheidend ist wohl nur, dass man nicht liegen bleibt, sondern Verantwortung übernimmt und weitermacht!“




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