• Annette Heinrich

Der Heilige Schein. Tatort Kirche

RTL ZWEI Sendedatum: voraussichtlich Herbst 2020, 90 Minuten

Buch und Regie: Annette Heinrich und Christian Hestermann


Rom im Frühjahr 2019. Durch die Straßen der heiligen Stadt ziehen wütende Demonstranten aus aller Welt.

Unter ihnen ist Bernd. Der 53-Jährige ist extra mit seiner Familie aus dem Saarland angereist. Nie hat diese Stadt eine größere Demonstration von Opfern sexueller Gewalt durch kirchliche Würdenträger erlebt. Zeitgleich tagt der Papst mit internationalen Kirchenvertretern auf dem Anti-Missbrauchsgipfel. Wie wird die Kirche zukünftig mit all den Vergehen umgehen, die in ihrem Schatten begangen wurden? „Diese Kirche hat zugelassen, dass mich katholische Priester missbrauchen und niemand hat was dagegen getan“, so Bernd.



Dürfen er und die vielen anderen Opfer endlich auf eine angemessene Entschädigung, auf Aufklärung der Taten und auf ein bisschen Gerechtigkeit hoffen?

Der Film „Der Heilige Schein“ begleitet Bernd und vier weitere Missbrauchsopfer der katholischen und evangelischen Kirche bei ihrem schwierigen Kampf gegen das erlebte Unrecht und das persönliche Leid. Jahrzehntelang haben sie die Geschehnisse tief in sich vergraben und verdrängt – doch nun schließlich den Mut gefunden, an die Öffentlichkeit zu gehen und ihr Schweigen zu brechen. Bernd, Angelika, Raphael, Kerstin und Christian berichten, was ihnen in ihrer Kindheit und Jugend Schlimmes widerfahren ist. Wenn die Protagonisten mit ihren Worten an ihre Grenzen stoßen, finden Graphic Novels Bilder für das Unaussprechliche.



Der Missbrauch hat bei allen tiefe Spuren hinterlassen. Seele und Körper haben Narben davongetragen. Die Geschehnisse prägen die Protagonisten bis heute. Sie haben mit psychischen und gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie haben Schwierigkeiten, ihrer Arbeit nachzugehen, Beziehungen zu führen, unbeschwert und glücklich zu sein. Was sie besonders belastet: Von den Kirchen werden sie immer aufs Neue zu Opfern gemacht. Ihre Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen, Taten aufzuklären und Wiedergutmachung einzufordern, enden meist vor verschlossenen Türen und Ohren. Kirchenverantwortliche geben ihnen das Gefühl, man glaube ihnen nicht, man nehme sie nicht ernst, man versuche sie zu vertrösten und sie finanziell mit einem möglichst geringen Betrag abzuspeisen.



Unsere Missbrauchsopfer fühlen sich ungerecht behandelt – und treten gerade deshalb umso deutlicher für ihr Recht ein. Sie wollen, dass die Kirchen endlich dazu stehen, was Kindern und Jugendlichen im kirchlichen Umfeld angetan wurde. Täter sollen nicht länger von der Kirche geschützt werden, sondern zur Rechenschaft gezogen und für ihre Verbrechen bestraft werden. Die Opfer fordern ehrliche Aufarbeitung von Verbrechen der Kirche – und nicht nur Lippenbekenntnisse. Taten statt Worte – und vor allem strukturelle Veränderungen. Sie sind überzeugt, dass es viele tausende weitere Opfer sexueller Gewalt gibt, die Ähnliches erlebt haben wie sie. Und dass nicht nur in der Vergangenheit Kinder und Jugendliche durch Geistliche sexuell missbraucht worden sind, sondern dass das auch heute noch geschieht.

Sie sind sich sicher: Wenn sich an den kirchlichen Strukturen nichts ändert, wird der sexuelle Missbrauch nie enden, werden auch zukünftig Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt, ausgeübt von Männern und Frauen der Kirche. Und das wollen sie auf jeden Fall verhindern!

Die Hauptprotagonisten der Dokumentation „Der Heilige Schein. Tatort Kirche“:

Bernd (53) war 13 Jahre alt, als er von Ordensbrüdern eines katholischen Internats sexuell missbraucht wurde. Jahrelang hat er geschwiegen. 2010 schließt er sich mit anderen Leidensgenossen zusammen und kämpft seitdem um die Aufklärung der Geschehnisse am Johanneum in Homburg /Saar. Er ist depressiv und ringt darum, dass ihn der Herz-Jesu -Orden bei seinen Bemühungen um eine Traumatherapie finanziell unterstützt.




Angelika (60) und ihre zwei Schwestern Silvia und Sybille wuchsen im baden-württembergischen Kinderheim Korntal auf und erlebten dort jahrelange Misshandlungen. Angelika wurde von einer angehenden evangelischen Ordensschwester sexuell missbraucht, parallel musste sie sexuelle Übergriffe durch Pateneltern der pietistischen Gemeinde über sich ergehen lassen. Doch ihre Kämpfernatur hat sie den Schrecken überleben lassen. Ihre Wut und ihr Gerechtigkeitssinn geben ihr die Kraft, mit anderen Heimopfern um Aufklärung und Entschädigungszahlungen zu kämpfen.



Christian (53) war zur gleichen Zeit am Johanneum in Homburg wie Bernd. Auch er wurde dort von einem Geistlichen des Internats sexuell missbraucht. Christian hat seine Missbrauchserfahrungen jahrzehntelang verdrängt, erst 2010 kam die Erinnerung Stück für Stück wieder zurück. Er ist wütend darüber, wie von Seiten des Herz-Jesu-Ordens mit den Missbrauchsopfern umgegangen wird.



Raphael (48) ist als Ministrant etwa 400-mal vom katholischen Dorfpfarrer von Oberharmersbach im Schwarzwald sexuell missbraucht worden. Als die Übergriffe anfingen, war er elf Jahre alt. 14 Jahre später hat er den Pfarrer angezeigt. Der Täter hat sich wenige Tage nach der Anzeige umgebracht. Seit dieser Zeit kämpft Raphael mit der Kirche um eine angemessene Entschädigung für sich, aber auch für die vielen anderen Opfer des Dorfpfarrers.



Kerstin (50) ist als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Der evangelische Jugendpfarrer ihrer niederbayerischen Gemeinde mimt den Retter und bringt die damals 14-Jährige in einem Internat unter. Als Gegenleistung verlangt er körperliche Gegenleistungen von Kerstin. Viele Jahre später kommen mit der Geburt ihrer Tochter die schlimmen Erinnerungen an diese Zeit zurück. Seitdem hat Kerstin der evangelischen Kirche in Sachen Missbrauch den Kampf angesagt. Als Mitglied des Betroffenenrats streitet sie nicht nur um ihr eigenes Recht, sondern um das Recht tausender Opfer in ganz Deutschland.




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