• Annette Heinrich

In der Abseitsfalle. Kein Coming-out im Fußball?

Aktualisiert: Juni 7

ZDF, 37 Grad, Sendetermin: 8.Juni 2021 22.15 Uhr, 30 Minuten

Buch und Regie: Annette Heinrich



Nichts vereint, begeistert und bewegt die Massen mehr als Fußball. Quer durch alle Bevölkerungs- und Bildungsschichten feiern Menschen ihren Volkssport Nr.1, ihren Verein, ihre Helden auf dem Rasen. Für viele ist Fußball alles – aber auf keinen Fall schwul! Doch natürlich gibt es sie – homosexuelle Spieler. Der Film ‚In der Abseitsfalle‘ erzählt von Homophobie im Fußball und davon, wie groß der Druck für Spieler ist, die nicht offen zu ihrer Sexualität stehen können. Die Betroffenen Thomas Hitzlsperger, Marcus Urban und Benjamin Näßler sprechen über ihre Erfahrungen mit dem Coming Out – und darüber, wie wichtig ein offenes Bekenntnis für die Leistungsfähigkeit auf dem Platz und für das persönliche Glück ist. Der Film fragt auch, wie prominente Akteure der Branche über Homophobie im Fußball denken. Welche Erfahrungen haben der Teampsychologen der Nationalelf, Hans-Dieter Hermann, der Ex-Cheftrainer und Vereinsrepräsentant vom FC St. Pauli, Ewald Lienen, die Bundesligaspieler Christopher Trimmel und Christian Gentner von Union Berlin sowie der St. Pauli-Fan und Sänger der Band Kettcar Marcus Wiebusch mit dem Thema gemacht? Wo sehen sie die Ursachen für die Tabuisierung? Und welche Ansätze und positiven Signale gibt es aktuell für mehr Toleranz und Diversität im Spiel der Spiele?



Bislang gibt es zumindest keine Studie zur Anzahl der schwulen Spieler in der Bundesliga – und keinen aktiven deutschen Profispieler, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Thomas Hitzlsperger ist diesen Schritt bisher als Einziger gegangen. Das war 2014, allerdings erst nach seiner aktiven Spielerzeit. Als Fußballer hat er ganz oben mitgemischt: Mit dem VfB Stuttgart hat er 2007 die Deutsche Meisterschaft gewonnen, mit der Nationalmannschaft wurde er Dritter beim „Sommermärchen“ – der Heim-WM 2006. Seinem knallharten Schuss mit links verdankt er den Spitznamen „Hitz The Hammer“. Und straft damit all jene Lügen, die glauben, Schwule seien zu „weich“ für „echten Männersport“.



Es dauerte lange, bis sich der heute 38-Jährige seine Homosexualität eingestand. Als er mit dem Gedanken spielte, sich zu outen, rieten ihm die wenigen Eingeweihten dringend davon ab. „‘Du wirst es nicht aushalten‘, das war ihre Sorge“, erinnert sich Hitzlsperger. „Als Profispieler ist man ohnehin einem enormen Druck und der ständigen Öffentlichkeit ausgesetzt. Es braucht viel Selbstbewusstsein und privaten Rückhalt für ein Coming-out.“

Marcus Urban konnte den äußeren Druck und die innere Zerrissenheit nur kurz aushalten, wahrscheinlich hat ihn das eine Karriere als Profifußballer gekostet. Als Jugendnationalspieler war er ein aufgehender Stern bei Rot-Weiß Erfurt, einer der großen Talente des ostdeutschen Fußballs. „Aber dass ich mich für Männer interessierte, wurde zu einem Riesenproblem für mich. Das darf nicht sein - ich bin Fußballer!“



Urban, der für sein ästhetisches und passgenaues Spiel gefeiert wurde, gab sich zunehmend aggressiver auf dem Platz, pöbelte, manchmal sogar mit homophoben Beleidigungen. „Ich wollte mit keiner Geste verraten, dass ich schwul bin.“ Marcus Urban hatte Angst vor dem Karriereaus, Angst davor zum Außenseiter zu werden. „Vor allem in der Kabine fühlte ich mich verdammt einsam. Ich war nie wirklich Teil der Mannschaft, habe einen großen Teil meiner Persönlichkeit vor allen versteckt, auch vor mir selbst. Das war ein ständiges Schwanken zwischen Selbsthass und Depressionen.“ Er machte viele Auf und Ab’s durch, bis er schließlich den Traum vom Profifußball aufgab. „ Ein Spiel hat 90 Minuten. Ein Leben, wenn’s gut läuft, vielleicht 90 Jahre. Ich wollte lieber frei sein, als meine Sexualität und mein Wesen der Karriere wegen weiter zu verleugnen.“

Auch Benjamin Näßler hat jahrelang seine Homosexualität vor seiner Familie, seinen Freunden und seiner Fußballmannschaft versteckt. Dabei spielte der heute 32-Jährige bloß in der Kreisliga in seiner schwäbischen Heimat. „Es ging eigentlich um nichts - und doch um alles. Ich wusste, was die Menschen in meiner Umgebung mit dem Wort ‚schwul‘ assoziierten. Das war nie etwas Gutes.“



Benjamin Näßler tat alles, um nicht als anders aufzufallen. „Ich habe Freundinnen erfunden und mich machohafter benommen, nur um nicht in Verdacht zu geraten. Als mir alles über den Kopf wuchs, dachte ich sogar daran, mein Leben zu beenden.“ Nach langen inneren Kämpfen fand er aber den Mut, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. 2017 heiratet er seinen langjährigen Freund. Und im Jahr 2019 wagt er sogar den Schritt an die Öffentlichkeit und setzt sich nun als amtierender ‚Mr. Gay Germany‘ mit seinen Kampagnen ‚Doppelpass‘ und ‚Liebe kennt keine Pause‘ gegen Diskriminierung und Schwulenhass im Fußball ein. „Vor allem jungen Spielern will ich es leichter machen, sich zu outen und stolz auf sich zu sein. Im Fußball geht es um Erfolg, und dabei ist es völlig egal, wen Du liebst!“



Das ist auch Marcus Urbans Anliegen, der mit seiner Biografie ‚Versteckspieler‘ 2008 ein öffentliches Zeichen seiner Befreiung setzte. Als Vorstand des Vereins für Vielfalt in Sport und Gesellschaft und Mitbegründer der Plattform ‚Gay Players Unite‘ engagiert er sich seitdem dafür, „dass dieses letzte Tabu im Fußball fällt und Homosexualität auch im vermeintlich ‚männlichen‘ Sport als etwas ganz Normales betrachtet wird.“



Thomas Hitzlsperger hat sein Coming-out nicht bereut. Allen Ängsten zum Trotz konnte er sogar weiter im Fußball Karriere machen, aktuell als Vorstandschef des VfB Stuttgart. Darüber hinaus will er etwas bewegen und Vorbild sein als DFB-Botschafter für Diversität und Toleranz im Profifußball. „Homophobe Leute haben jetzt einen Gegner mehr!" Für sein Engagement bekommt er im Oktober 2020 das Bundesverdienstkreuz. Was noch viel mehr für ihn zählt: „Ich habe mir selbst bewiesen: Du musst nicht wie jeder sein, um jemand zu sein.“ Doch auch wenn sich für ihn nach seinem Coming-out viele Türen geöffnet haben, weiß er, dass der Profifußball noch einen weiten Weg vor sich hat. „Ich stelle Verbesserungen fest, aber Homosexualität ist noch immer nicht enttabuisiert!“



Zwar gibt sich der populäre Mannschaftssport weltoffen und tolerant – aber genau diese Werte werden auf dem Platz, in den Fankurven und in den Fußballvereinen noch immer verletzt. Sexismus und Homophobie sind nach wie vor ein gesamtgesellschaftliches Problem: Laut einer Studie sind ein Drittel der Männer homophob und rund 45 Prozent der LGBTQ’s verheimlicht scheinbar seine Sexualität in der Öffentlichkeit. Doch im Fußball verdichtet sich dieses Problem wie unter einem Brennglas. Hier regiert, wie nirgends sonst, ein archaisches Männerbild. Welche Schritte und strukturellen Veränderungen müssen unternommen werden müssen, damit Homosexualität nicht länger ein Tabu im Fußball ist? Sind wir bereit, Homophobie die Rote Karte zu zeigen?


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